Peru-Rundreise

1. Reisetag
Um 6 Uhr fuhren wir nach Zürich Flughafen, wo nach und nach auch die anderen Reiseteilnehmer eintrudelten.
Lang war der Flug über den Atlantik. Elf Stunden im Flugzeug sitzen macht keinen Spass. Aber irgendwann sind diese Stunden auch vorbei, irgendwann kommt man am Ziel an. Wenigstens waren die Sitze bequem, das Personal freundlich und das Essen ausgezeichnet. Wir flogen mit Air France.
René holte uns am Flugplatz ab und konnte auch gleich das Resultat des Champion League Finals verkünden: 2:1 für Bayern.
In Lima ist es 17.00 Uhr, aber in der Schweiz wäre es jetzt Mitternacht. Im Hotel treffen wir uns zu einem kleinen Begrüssungsdrink. Ein Pisco Sour auf Kosten des Hauses. René hat eine mobile Bank organisiert, so dass jeder ein paar Dollars in Soles umtauschen kann und danach machen sich ein paar Unentwegte auf zum Bummel durch Miraflores, dem modernen Viertel der Stadt. Es gibt so viel zu entdecken: ein Hochzeitspaar, das vor der Kirche neben der weissen Stretchlimousine posiert, die Katzen, die sich im Kennedypark unter den Bäumen versammeln, die Maler, die ihre naiven Bilder präsentieren und all die Menschen, die den Samstagabend geniessen. In einem Strassenkaffee genehmigen wir uns einen Schlummertrunk. Die Musik aus den Boxen konkurrenziert lautstark mit dem Beat des nächsten Bistros und dem Sound der gegenüberliegenden Bar. Und dann kommt auch noch der Strassensänger mit der Gitarre und schmettert sein romantisches „Guantanamera“. Also eigentlich ein ganz gewöhnlicher Samstagabend in Lima.

2. Reisetag
Treffpunkt nach dem Frühstück ist um halb neun in der Hotellobby. Nach dem wunderbaren Frühstücksbuffet sind alle gestärkt und gut gelaunt bereit und gespannt, was dieser Sonntag in Lima zu bieten hat.
Mit dem Touribus fahren wir nach Pueblo libre ins Archäologische Museum. Zuerst bewundern wir das typische Gebäude im Haziendastil mit dem wunderbaren Innenhof. Eine riesige Engelstrompete wächst da und Bougainvilleas säumen die Bogensäulen. Carmen, die deutschsprachige Touristenführerin, erklärt uns die verschiedenen Epochen von Perus Geschichte, und wir erkennen, dass die Inkas zwar ein bedeutender Volksstamm waren, aber längst nicht der einzige. Der Sagen umwobene Goldschatz Perus stammt zum Beispiel von den Monchas, die viel früher gelebt und eine grosse Fertigkeit in der Goldverarbeitung entwickelt hatten. Das Gold der Inkas nahmen die Spanier mit und schmolzen es ein. Das existiere nicht mehr in Peru, erklärt uns Carmen.
Nach dem informativen Museumsbesuch fahren wir in die Innenstadt. Bei der Plaza San Martin spazieren wir durch die ziemlich leere Fussgängerzone zur Plaza Mayor. In der Kathedrale ist Messe, beim Regierungssitz spielt die Musikkapelle, es ist Wachwechsel: genug zu sehen für einen kleinen Bummel. Vor dem Bischofssitz treffen wir uns zur Gruppenfoto und weiter geht der Spaziergang, vorbei am ältesten Restaurant Limas beim alten Bahnhof.
Im Convento San Francisco besuchen wir die Katakomben. Das Wetter ist wunderbar warm, ja gegen Mittag schon fast heiss, der Himmel ungewöhnlich blau, denn Lima liegt sehr oft unter einer Dunstglocke, so sagt man uns. Die Lage am Meer und die hohen Berge im Rücken bringen es mit sich, dass sich der Dunst hier sammelt. Es regnet übrigens sehr selten in der Gegend, das Wasser für die Stadt kommt von einem Fluss aus 40 km Entfernung. Alles hier ist künstlich bewässert.
Zum Mittagessen fahren wir zurück nach Miraflores, zum Larcomar, einem modernen Einkaufs- und Vergnügungszentrum hoch über der Pazifikküste. Die Aussicht hinunter auf das Meer ist überwältigend. Schäumend werfen sich die Wellen an den Strand, was von zahlreichen Wellensurfern ausgenützt wird. Hier in Larcomar gibt es auch jede Menge Restaurants, um unseren Hunger zu stillen. Am Nachmittag steigen wir hinunter ans Meer, schauen den Wellensurfern zu, beobachten die Inkaseeschwalben beim Fischfang und geniessen einen Drink im wunderschönen Restaurant Rosa Nautica.
Am Abend treffen wir uns zum Briefing in der Hotellobby. Morgen werden wir nach Iquitos fliegen. Vom Flugplatz geht es direkt weiter zur Urwaldlodge, daher heisst es, richtig packen, denn die Koffer werden in Iquitos bleiben. Natürlich ist die Spannung jetzt hoch. Was wird uns im Dschungel erwarten, was muss mitgenommen werden? Regenschutz, Taschenlampe, Ersatzkleider, Sonnencreme, Badekleider usw. gehören ins Handgepäck der Rest bleibt im Koffer.
In der Nähe des Hotels gehen wir zu einem kleinen Nachtessen und dann ist relativ früh Nachtruhe. Der Weckruf ist für drei Uhr organisiert.

3. Reisetag
Am frühen Morgen verlassen wir Lima. Im Flughafen reicht es für einen Kaffee mit Croissant. Dann fliegen wir mit der Peruvian Airline in die Dschungelstadt Iquitos. Sie empfängt uns mit schwülfeuchter Hitze. Wir werden erwartet. Horacio und Keyla aus dem Büro der Urwaldlodge „Fuente del Amazonas“ erwarten uns mit den Guias May, David und Leoncio.
In einem einfachen Lokal hat uns Horacio ein Frühstück organisiert. Die Besitzer kommen ganz schön ins Schwitzen bei dieser Kundschaft. Sie haben noch nie vorher Ausländer bedient, gestehen sie René, aber wir finden, sie haben ihre Sache ganz gut gemacht. Es gibt Huevos fritos (Spiegeleier), Brot, zwei Sorten Fruchtsäfte und Kaffee. Während unserem Frühstück entdeckt René auf der anderen Strassenseite eine kleine Autowerkstatt. Natürlich muss er seinen Kollegen kurz über die Schulter schauen, wie sie einen Pneu ersetzen, dessen Profil sich nur noch erahnen lässt.
Nach dem Frühstück bringt Keyla unsere Koffer ins Hotel in der Stadt, und wir fahren mit dem kleinen Gepäck im Bus Richtung Nauta. Die grüne, üppige Vegetation fasziniert. Manchmal stehen ein paar Hütten am Strassenrand, aber die meiste Zeit fahren wir durch grüne üppige Vegetation. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir Nauta, den kleinen Fischerort am Río Marañón. Hier erwartet uns Papa Horacio mit den Booten. Bevor wir losfahren, schlendern wir noch kurz über den kleinen Markt, besuchen die Halle, wo es unbekannte Früchte zu entdecken gibt, wie Camu Camu oder Aguaje, die Palmfrucht.
Und dann ist es soweit, wir steigen in die Boote und fahren den Marañón hinunter. Nur der Schiffsmotor stört die Idylle. An den Ufern erkennen wir hohe Bäume und dichte Wälder. Manchmal gleitet ein Boot an uns vorbei, ein einsamer Fischer in seinem Einbaum, ein Motorboot, das Wellen schlägt, die wir noch einen Moment spüren. Beim Zusammenfluss von Marañón und Río Ucayali entdeckt May den ersten Delfin. Wir versuchen noch einen Moment, einen Blick auf eines der scheuen Tiere zu erhaschen. Schon bald legen wir am Ufer an. Wir sind angekommen. Noch ein kurzer Spaziergang durch den Dschungel und wir stehen vor der Lodge, unserem Heim für die nächsten zwei Tage.
In der offenen Küche brutzelt schon unser Mittagessen und es gibt einen Begrüssungsdrink: Camu Camu-Saft.
Nach dem Mittagessen mit gekochtem Fisch, Reis und viel frischem Salat fühlen wir uns gestärkt für die erste Exkursion. Gummistiefel fassen, Moskitospray versprühen und los geht es. Eine Gruppe fährt hinaus auf den Fluss, Piranjas fischen. Wir sind gespannt, ob es für ein Nachtessen reicht. Die zweite Gruppe wählt den Anaconda-Trip und kämpft sich durch den Busch. Der Rest geht mit May den Jaguar-Way.
Mit David sind wir zu viert unterwegs. Achtsam und möglichst lautlos bewegen wir uns vorwärts. Er zeigt uns die alternative Moskitoabwehr. Dazu hält er die Hand in ein aufgekratztes Termitennest und wartet, bis die Termiten seine Hand erobert haben. Danach zerreibt er sie und streicht sie sich über Hände und Arme. Die Termiten hinterlassen einen ganz speziellen Duft, der die Moskitos abwehrt. David zeigt uns verschiedene Pflanzen, lässt uns Früchte kosten und erzählt uns von deren Wirkungen bei Krankheiten. Er macht uns auf Tierlaute und Vögel aufmerksam und weiss, wo Taranteln leben. Diese können wir auf dem Rückweg beim Eindunkeln an einem Baum beobachten. Er zeigt uns noch, wie man mit Palmblättern einen Fächer basteln kann. Der ist bei dieser Hitze auch sehr nützlich.
Nach dem Nachtessen nehmen wir zu zweit an einer Ayahuasca-Zeremonie mit einem Schamanen teil und lassen uns in die magische Welt der Eingeborenen einführen – ein unvergessliches Erlebnis. Draussen ist der Vollmond aufgestiegen und scheint dazu gespenstig in unsere „Hütte“. Nach diesem rund dreistündigen feierlichen Akt schlafen wir bei den intensiven Geräuschen und Tönen des Dschungels schon bald ein.

4. Reisetag
Schon vor dem Frühstück sind wir unterwegs, um Vögel zu beobachten, und können einige mit dem Feldstecher sehen. Zudem taucht die aufsteigende Sonne die ganze Gegend in eine magisches Licht.
Nach dem Frühstück fahren wir auf den Ucayali hinaus. Schon bald sehen wir die Amazonasdelfine in gebührendem Abstand rund ums Boot schwimmen und ihre Schnauze und Rückenflosse aus dem trüben Wasser strecken. Zu zweit lassen wir es uns nicht nehmen, mit den Delfinen um die Wette zu schwimmen. Sie lassen sich aber deswegen keineswegs näher heranlocken. So müssen wir sie halt aus der Ferne beobachten. Leoncio, unser Guia, führt uns darauf in einen Seitenarm, wo eine riesige Anzahl weisser Reiher auf ihre Beute lauert. Bei einem Fischer holt er sich einige kleinere Fische, die er dann später zu Ködern zerteilt. Damit fischen wir nach Piranhas. Praktisch jeder hat dabei mindestens einmal einen dieser gefürchteten Raubfische an der Angel. Da es aber immer nur kleine Exemplare sind, schenken wir ihnen die Freiheit wieder.
Zum Mittagessen sind wir zurück und erwarten die anderen Gruppen. Etwas länger warten wir auf die Leute, die mit May in Richtung Lagune unterwegs war. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. Alle sind mehrmals im sumpfigen Gelände stecken geblieben. May hat Bäume gefällt, Brücken gebaut und ihnen immer wieder aus dem Sumpf geholfen. Der Schrecken steht allen noch im Gesicht, aber auch die Befriedigung, den Spaziergang überlebt zu haben.
Am Nachmittag waten wir ebenfalls mit aktiver Hilfe der Guias durch den Sumpf zur nahen Lagune und fahren mit einem Boot hinaus, um dort die wunderschöne Victoria Regia bzw. Amazonica, eine Riesenseerose, zu bewundern. Unterdessen befestigt Segundo, der Ayudante der Lodge, den Weg mit Blättern und Ästen, um das Einsinken zu verhindern.
Am Himmel haben sich nun grosse Gewitterwolken aufgetürmt. Im immer stärker werdenden Regen begeben wir uns nun möglichst schnell zurück zur nahegelegenen Lodge. Abgekämpft, müde und nass, aber mit strahlenden Gesichtern kommen wir zurück.
Langsam werden die trockenen und sauberen Kleider rar, und die Garderobe beim Nachtessen wäre vielleicht nicht mehr in jedem Restaurant angebracht. Da wir aber in der Lodge keinen Strom haben, und beim Schein der Petroleumlampen essen, stört das niemanden. Draussen geht unterdessen ein gewaltiges Gewitter über den Dschungel.
Heute schlafen wir mit dem Regen ein. Im Speiseraum müssen ein paar Kübel aufgestellt werden, wo das Dach nicht mehr dicht ist. Der Wind weht durch die Bäume, rüttelt an den Palmdächern und rund um die Lodge verwandelt sich das Gelände in eine Wasserlandschaft.

5. Reisetag
Weil es fast die ganze Nacht geregnet hat, verzichten wir auf nasse Vogelbeobachtungstouren vor Sonnenaufgang.
Nach dem Frühstück brechen wir auf nach dem nahen Dorf Castilla. Am Ufer werden wir bereits von den ersten Einwohnern und Kindern erwartet. Sie begleiten uns ins Dorf. Schon beim ersten Haus werden wir aufgehalten, der Besitzer hält in seinem Haus ein junges Stachelschwein und möchte es uns zeigen. Dass wir mitten in seinem Yuccafeld stehen, sagt er uns nicht, erst Leoncio, unser Guia macht uns darauf aufmerksam, auf die jungen Pflanzen Rücksicht zu nehmen. Immer mehr Kinder gesellen sich zu uns und bereits finden ein paar unserer flauschigen Begleiter neue Besitzer. Scheu nehmen die Kleinen das Geschenk entgegen, wissen nicht richtig, was sie damit anfangen sollen. Sie sind sich nicht gewohnt, Geschenke zu erhalten. Aber heute ist „Weihnachten“ im Dorf.
In der Schule werden wir vom Lehrer und der Schulleiterin erwartet. 44 Kinder besuchen die Schule in fünf Klassen. Alle werden in eines von drei Schulzimmern gerufen, und wir werden mit einem lauten Buenas dias begrüsst.
Horacio erklärt, dass wir aus der Schweiz seien und ein paar Geschenke mitgebracht hätten. Er hat auf Kosten der Gruppe Schulmaterial eingekauft wie Hefte, Bleistifte, Kugelschreiber, Lineale, Farbstifte, Filzstifte, Radiergummis und Leim. Andächtig hören die Kinder zu, wir merken aber schnell, dass die Blicke der Buben vor allem den Bällen gelten, die vor dem Lehrerpult abgelegt wurden. Es folgen noch ein paar kurze Reden vom Lehrer und Beatrice muss auch noch etwas dazu sagen und dann geht es ans Verteilen der Sachen.
Die Kinder werden klassenweise aufgerufen, und wir verteilen die Sachen schön gleichmässig, so dass jedes Kind etwas aus der Geschenkkiste erhält. Ich glaube, dass unsere Freude ebenso gross ist wie die Freude der Kinder und ihrer Eltern. Und dann gibt es kein Halten mehr. Auf dem Spielfeld draussen gibt es einen Fussballmatch. Oskar hilft den Mädchen beim Volleyball und alle haben ungeheuer viel Spass und René spielt Fussball mit den Buben. Schnell geht die Zeit vorbei, und wir kehren zurück zum Schiff, reich beschenkt mit all der Freude des ganzen Dorfes.
Als nächstes überqueren wir den Amazonas. Auf der anderen Seite liegt das kleine Dorf Grau. Man sieht, dass hier öfters Touristen vorbei kommen und dass die Vegetation leicht anders ist. Vielleicht ist es auch nur, dass die Leute bewusster anbauen, jedenfalls macht das Dorf einen etwas weniger desolaten Eindruck.
Wir steigen auf den Aussichtsturm Mirador, den die Regierung hier vor ein paar Jahren aufstellen liess, um den Tourismus in der Gegend zu unterstützen. Von hier aus haben wir beste Sicht auf den Zusammenfluss der beiden Flüsse Marañòn und Ucayali und damit auf den Anfang des Amazonas. Dann kehren wir im kleinen Laden ein und lutschen an Zuckerrohrfasern und trinken frische Kokosmilch.
Bald geht es zurück über den Amazonas. In der Mitte, da wo das Geschiebe der beiden Flüsse eine Insel bildet, legen wir an. Unsere Küchenmannschaft hat ein Picknick aufgebaut. Unter Palmzweigen steht ein Grill und unter Tüchern ist der Salat bereit zum Servieren.
Vor dem Essen tauchen einige von uns in die Fluten des Flusses, schwimmen im Amazonas, der ab hier so heisst: Was für ein Gefühl! Allerdings ist die Strömung hier sehr stark, so dass man sich nicht zu weit vom Ufer entfernen sollte. Nach der Abkühlung stellen wir uns zum Essen Fassen an. Es gibt Poulet vom Grill, Reis und eine halbe Kartoffel, dazu frisches Gemüse und zum Dessert eine geschälte grüne Orange, die an Grapefruits erinnert: ein wunderbarer Abschluss unseres Urwald-Abenteuers.
Dann fahren wir den Ucayali hinauf. Noch einmal sehen wir ein paar Delfine und nach knapp zwei Stunden erkennen wir die Antennen von Nauta, wir sind zurück in der Zivilisation.
Keyla erwartet uns mit dem Chauffeur des Busses. Knapp vor Sonnenuntergang kommen wir in Iquitos an. Der dunkle Eingang zum Hotel Casa Fitzcarraldo irritiert ein paar Gruppenmitglieder. Doch das ist gewollt, das Hotel will diskret bleiben.
Walter Saxer, der Besitzer, begrüsst uns persönlich. Weil man in Iquitos früh isst und spät abends nicht mehr unterwegs ist, bleibt nicht viel Zeit zum Umziehen und frisch Machen. Schon bald sind wir in den typischen Mototaxis unterwegs zum Bulevard.  Dort lassen wir den Abend in der Pizzeria Antigua ausklingen. Kurz nach 22 Uhr sind wir zurück im Hotel.

6. Reisetag
Der Tag begrüsst uns mit strahlendem Sonnenschein und einem opulenten Frühstück. Walter hat extra Schweizer Brot aus Lima mitgebracht. Dazu gibt es eine Schale frische Früchte, Butter, Quark, Schinken, Konfitüre und Spiegeleier oder Rührei.
Frisch gestärkt fahren wir um neun Uhr mit den Mototaxis los, Richtung Belen Mercado. Unsere Führer May, David und Horacio führen uns in Gruppen durch die Stände, und es gibt so viel Unbekanntes zu entdecken. Immer wieder fällt auf, wie freundlich die Verkäufer sind. Obwohl wir nichts kaufen, dürfen wir probieren, werden uns Früchte aufgeschnitten, Fische gezeigt. Niemand wehrt sich gegen Fotos. Man lächelt, freut sich über ein Buenos dias, ein Gracias.
Wir geraten immer tiefer in den Markt, und es gilt, auf Fotoapparat und Geld aufzupassen. Manchmal macht uns sogar ein Marktverkäufer aufmerksam, die Kamera nicht nur am Handgelenk zu schlenkern, sondern wirklich in der Hand zu halten. Irgendwann kommen wir hinunter zum Fluss. Hier erwartet uns Miguel mit seinem Boot. Wir fahren durch die schwimmende Stadt zurück zum Bulevard. Hier, in Belen, sind die meisten Häuser auf Stelzen gebaut oder sie sind als Flosse konstruiert und schwimmen bei Hochwasser. Bei Trockenzeit sind sie irgendwo parkiert.
Beim Bulevard ist die Schule aus. Die Kinder verlassen das Schulhaus, und wir können beobachten, dass die meisten eine Uniform tragen: frisch gewaschene, weisse Blusen, fast nicht vorstellbar, wie die Wäsche so sauber wird, denn die meisten Frauen waschen mit kaltem Flusswasser.
Nach einem kurzen Zwischenstopp geht es mit den Mototaxis weiter zum Hafen von Nanay. Ab hier fahren wir mit dem Motor-Schnellboot hinaus zum „Buffeo rosado“. Hier, am Ufer des Rio Momon und Rio Nanay, wurde in den letzten Monaten ein ganzer Komplex aufgebaut. Es gibt Disco, Motorboote, Wasserscooter und jede Menge Musik und Spass. Heute wird ein Promotionsfilm für Iquitos gedreht. Am Ufer tanzen zwei leicht bekleidete Mädchen, und draussen im Wasser kurvt einen Sängerin auf dem Jetboot und singt Playback zu den lauten Klängen aus den Boxen. Ein Regisseur dirigiert mit schwingenden Armen, und das Ganze wird von einer grossen Kamera aufgenommen.
Bald fahren wir mit dem Boot weiter. Wir besuchen das Pilpintuwasi, den Schmetterlingsgarten. Eine Schweizer Volontärin führt uns durch den Garten und den kleinen Zoo. Besitzerin diese Parks ist die Österreicherin Gudrun Sperrer, die uns zusätzliche, spannende Informationen liefert.
Der nächste Besuch gilt den Boras, einem Eingeborenenstamm. Die Angehörigen verdienen sich etwas Geld durch folkloristische Vorführungen. Nach vier Tänzen kann man verschiedene Handarbeiten kaufen.
Zurück fahren wir bei den Strahlen der tief liegenden Sonne. Es gibt eine kurze Rast im Hotel, den die einen für eine Abkühlung im Pool nutzen, während andere hinauf aufs Baumhaus steigen.
Zum Nachtessen gehen wir ins „Al Frio y al Fuego“, das für uns alle eine Überraschung ist. Mit einem Boot werden wir über den Flussarm gefahren. Das Restaurant ist auf allen Seiten offen, aber als ein starker Wind aufkommt, werden Plastikplanen heruntergelassen, so dass wir gut geschützt das feine Nachtessen geniessen und anschliessend zufrieden und satt ins Hotel zurückfahren können.

7. Reisetag
Heute gilt es Abschied nehmen von Iquitos, von der Selva (Dschungel), von der Hitze. Es gibt ein schnelles Frühstück, und um sieben Uhr fahren wir los. Der Flieger geht um 8.30. Doch er hat Verspätung. Eine gute Stunde später sitzen wir immer noch im Flughafen von Iquitos fest. Doch dann ist es endlich soweit, der Flieger der Peruvian Airlines landet, und kurz darauf heben wir ab, nach Lima.
Weil wir die Wartezeit in Iquitos verbracht haben, verkürzt sich die Zeit in Lima, und schon bald startet der Weiterflug nach Cusco.
Wir fliegen über die Anden, diesmal in südlicher Richtung. Nach einer kurzen Strecke, auf der uns die Sicht nach unten von Wolken versperrt ist, sehen wir unter uns gleissende Schneeberge, braune Berge, vereinzelte Dörfer und Strassen mit vielen Serpentinen, die hinauf zu den Dörfern führen.
Schon bald erreichen wir Cusco. Tief unter uns liegt eine Piste. Die Vorstellung, da unten landen zu müssen, ist Horror. Doch das Flugzeug zieht noch eine Schlaufe um einen Berg und landet nach einem spektakulären Landeanflug sanft auf dem Flugplatz.
Wir sind auf 3400 m angekommen. Ob man das spürt? Als wir aussteigen, spüren die einen und andern leichte Schwindel, so als ob wir gerade erst aus einem Boot auf aufgewühltem See entstiegen wären.
Im Hotel ist Entspannung angesagt, nichts tun, den Körper an die Umstellung gewöhnen.
Später gehen wir zusammen zu einem kurzen Spaziergang auf den nahen Hauptplatz mit der Kathedrale. Irgendwie spüren alle die Höhe. Sie zeigt sich mit Schwindel, Übelkeit oder Kopfweh. Jemand von uns hat sogar etwas Fieber und auch die Verdauung schlägt Purzelbäume.
Daher kehren wir zu einem leichten Nachtessen ein. Ich versuche eine Suppe mit Quinoa, einem Getreide, das inzwischen auch bei uns bekannt ist, aber ursprünglich aus Peru stammt. Auf Alkohol verzichten wir alle, aber viel trinken ist angesagt. In der Hotellobby gibt es Cocatee. Davon bedienen wir uns, bevor wir früh in unsere Zimmern verschwinden.

8. Reisetag
Ein kühler Morgen erwartet uns. Man spürt die Höhe. Wir sind warm angezogen mit Langarmpullovern und Windjacken. Die meisten haben gut geschlafen. Wenn auch die einen oder anderen noch Kopfweh plagt oder Magenprobleme haben, fühlen sich alle fit genug für den Ausflug in die Umgebung von Cusco. Cesar erwartet uns mit dem Bus vor dem Hotel, und wir fahren hinauf nach Saqsaywaman, der grossen Ritualanlage der Inkas.
Zuerst besuchen wir Tambomachay, die heilige Quelle. Hier erreichen wir unseren ersten Höhenrekord: 3765 m.ü.M. Auf dieser Höhe spüren alle die Anstrengung. Es braucht gar nicht viel, und auch gut trainierte Wanderer kämpfen mit dem Atem. Wir sind früh unterwegs. Die Verkäuferinnen, die hier ihre Handarbeiten verkaufen, sind erst dabei, ihre Waren auszupacken. Wir sind die ersten auf der Stätte und können uns in Ruhe umsehen. Doch schon bald stürmt eine Schulklasse auf das Gelände. Wir können nur staunen, wie die Kinder in ihren roten Schuluniformen die Hänge hoch rennen, während wir uns jeden Schritt überlegen.
Das Interessante an den Quellen von Tambomachay ist die Tatsache, dass das Wasser das ganze Jahr regelmässig mit gleicher Menge aus der Erde kommt, egal ob gerade Regenzeit oder Trockenheit herrscht.
Unsere nächste Station ist der Monolith von Kenko. Im Inneren dieses riesigen Steines gibt es eine Art Altar. Hier wurden die Inkas mumifiziert, um bei allen Festen in Prozessionen mitgetragen zu werden.
Etwas weiter unten liegt die riesige Anlage von Saqsaywaman. Die Spanier vermuteten eine Festung und versuchten alles, die riesige Anlage zu zerstören. Heute stehen nur noch rund 20 % der ursprünglichen Mauern, aber auch diese sind noch immer sehr eindrücklich. Man fragt sich vor allem, wie die riesigen Kolosse an die Stelle transportiert wurden, denn man weiss heute, dass die Steinbrüche, von denen das Material stammt, in über 20 km Entfernung liegen. Es müssen Tausende von Arbeitern beteiligt gewesen sein, und der Bau hat Jahre gedauert. René erklärt, dass der grösste Monolith mehr wiegt, als das ganze Flugzeug, das uns gestern nach Cusco gebracht hat. Unsere Führerin Gioana erzählt von den Riten und Festen, die man früher an dieser Stelle abgehalten hat. Über einen Felsen, der wie eine Rutschahn geformt ist, rutschen derweil die Schulkinder und amüsieren sich königlich.
Von hier gibt es auch eine wunderbare Aussicht auf Cusco und die Plaza des Armas mit der Kathedrale.
Inzwischen ist es wärmer geworden, die Jacken sind in den Rucksäcken verschwunden, und wir holen die Sonnencreme heraus. Cesar ist mit dem Bus losgefahren, und wir steigen zu Fuss hinunter in die Stadt. Durch schmale Gässchen geht es abwärts. Wir kommen durch das Künstlerviertel und erreichen einen kleinen Handarbeitermarkt, wo unsere Frauen ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen können: EINKAUFEN.
Gioana führt uns zum berühmtesten Stein von Cusco. 12 Ecken weist er auf und passt genau in die Mauer. Faszinierend, diese alten Mauern, bei denen all die schweren Steine nahtlos ineinander passen, ohne dass auch nur ein bisschen Mörtel die Verbindung sichert.
Unser nächstes Ziel ist die Coricancha, der Sonnentempel, Sitz des Inkas. Hier haben die Spanier nach der Eroberung des Inkareiches eine Kirche mit Kloster erbaut. Gioana zeigt uns die alten Mauern, den Klosterinnenhof und die Gemäldesammlung. Und dann mögen wir plötzlich keine englischen Erklärungen mehr hören, der Hunger regt sich. Zum Glück ist hier der offizielle Teil zu Ende. Unser Hotel liegt gleich in der Nähe. Die einen und anderen Mitglieder unserer Gruppe legen sich etwas hin.
Margrit und ich unternehmen beim Eindunkeln noch einen längeren Spaziergang und besuchen das Pachacutec-Monument am Stadteingang. Der Turm ist offen und von oben geniessen wir einen herrlichen Rundblick auf die Stadt, in der immer mehr Lichter angehen.
Anschliessend geniessen wir eine typisch peruanische Speise in einem Einheimischenrestaurant (Saltado die lomo). Die anderen geniessen den programmfreien Abend ebenfalls und erzählen am nächsten Morgen von ihren spannenden Erlebnissen.

9. Reisetag
Heute fahren wir noch einmal in die Höhe, auf die Hochebene von Cinchero. Bereits im ersten Laden mache ich begeistert eine neue Anschaffung: einen Mützenschal. Der sieht aus wie ein gewöhnlicher Schal, kann aber bei Bedarf als Mütze mit integriertem Schal getragen werden.
Gioana zeigt uns die Torritos, die in dieser Gegend oft auf den Häusern stehen. Sie dürfen nicht gekauft, sondern müssen von einem Freund bei der Einweihung des Hauses geschenkt werden. Sie stehen für die Dualität und sollen Glück und Segen über das ganze Haus und seine Bewohner bringen.
Bevor wir in das Dorf kommen, sehen wir uns die Terrassen an, die schon die Inkas angelegt hatten. Auf den verschiedenen Höhen konnten verschiedene Gemüse angebaut werden. Überall findet man solche Terrassen, aber hier sind sie besonders schön. Dann besuchen wir die Kirche, die auf die Fundamente eines Inkatempels gebaut wurde. Über dem Eingang erzählen Bilder aus dem Leben Jesu, da die Spanier ihren neuen Glauben übermitteln wollten und die Bevölkerung noch nicht lesen konnte. Das Innere der Kirche ist mit Blumen reich geschmückt, in einer Stunde soll hier eine Hochzeit stattfinden.
In einem Laden erhalten wir eine Demonstration, wie die Eiheimischen aus Wolle Tücher werden. Aus einer Wurzel wird eine Art Seifenlauge gemacht, in der die Schurwolle gewaschen wird. Dann wird sie zweimal gesponnen. „Spinnen können wir Frauen immer“, meint Marisa, die die Vorführung leitet, mit einem Augenzwinkern. „Ganz egal, ob wir Kinder beaufsichtigen oder unseren Mann küssen.“
Danach wird die Wolle gefärbt. Dazu werden verschiedene Pflanzen und Blätter benutzt. Die Zweige werden mit Wasser aufgekocht und die Wolle hineingetaucht. Je nach Länge des Färbvorgangs und mit Hilfe von Zitrone werden Tonnuancen erzielt. Interessant ist die Herstellung der roten Farbe. Auf Feigenkakteen werden weisse Läuse gezüchtet. Wenn man sie zerreibt, entsteht ein roter Farbstoff, aus dem zum Beispiel Lippenstift hergestellt wird. Marisa trägt ihn sich gleich auf und verspricht, dass er 1000 Küsse lang hält.
Nach dem Färben kommt das Weben. Marisa erklärt die verschiedenen alt überlieferten Symbole: Kondor für die Luft, Puma für die Erde und die Schlange für die Unterwelt. Diese Symbole kommen immer wieder vor.
Nach dieser interessanten und witzigen Demonstration besuchen wir den Markt, der hier jeden Sonntag stattfindet. Natürlich finden alle etwas Schönes zum Heimbringen. Es gibt ja so viel.
Auf der Weiterfahrt machen wir einen kurzen Halt, um die Produktion der Adobe-Ziegelsteine zu sehen. Sie werden aus Lehm zusammen mit Heu geformt und in der Sonne getrocknet.
Unsere Fahrt geht weiter über staubige Nebenstrassen durch reife Getreidefelder. Einmal sehen wir einen Pflug, der von zwei Ochsen gezogen wird. Wir sehen Bauern, die auf den Feldern arbeiten oder gerade dabei sind, das Mittagessen zu kochen. Weit hinten erkennen wir Schneeberge, und vom Himmel erstrahlt die Sonne. Wir sind noch immer auf 3700 m Höhe.
In Moray ist unser nächster Halt. Hier gibt es drei tiefe Krater in der Landschaft. Wie sie entstanden sind, ist nicht klar, aber sie wurden schon zu Inkazeiten terrassiert, und man nimmt an, dass hier geforscht wurde, welche Bedingungen für die Gemüsekulturen am besten geeignet sind. Sie strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Wir können beobachten, wie weit unten auf dem Grund eines Kraters eine Gruppe im Kreis eine Meditation durchführt.
Weiter geht die Fahrt, die staubigen Strassen scheinen kein Ende zu haben. Die Salzbecken von Maras sind unser nächstes Ziel. Wie ein Wespennest kleben sie an einem Talhang. Das Wasser, das hier aus dem Berg quillt, hat einen Salzgehalt von 30% und wird in die Becken geleitet. An der Sonne verdampft es, zurück bleibt das Salz, das von den Besitzerfamilien gewonnen wird.
Im kleinen Restaurant gibt es ein einfaches Mittagessen aus Quinoa-Suppe und riesigen Sandwiches. Frisch gestärkt fahren wir weiter nach Ollantaytambo.
Uns bleibt noch eine knappe Stunde, bis der Zug fährt, und die vertreiben wir uns in den bunten Läden rund um den Hauptplatz und in den engen Gassen, die noch aus der Inkazeit stammen. Spannend ist es, dem Verkehr zuzusehen. Riesige Lastwagen machen sich den Platz streitig mit den vielen Touristenbussen und den wenigen Privatfahrzeugen. Zum Glück ist Cesar ein guter Chauffeur, so dass er uns pünktlich zur Bahnstation bringt. Wir steigen in den Zug, der uns entlang des Urubamba nach Aguas Calientes bringt.
Zum Nachtessen gehen wir in den Indio Feliz, wo uns wirklich exzellente Speisen serviert werden. Nachtruhe ist zeitig, wir wollen morgen früh starten.

10. Reisetag
Früh sind wir unterwegs. Ab Viertel vor fünf gibt es Frühstück, wir starten um sechs Uhr. Es scheint nicht so viele Leute zu haben, wir können mit dem nächsten Bus fahren. Die Busse fahren alle paar Minuten, sobald alle Sitzplätze besetzt sind.
Es geht eine schmale Serpentinenstrasse mit engen Kurven hinauf. Immer wieder kommt uns ein Bus entgegen, und der Chauffeur muss anhalten, ausweichen, manchmal zurücksetzen. Zum Glück kennen die Chauffeure die Strecke. Vor dem Eingang begrüsst uns Diana, sie wird uns durch die Anlage führen. Die Führung wird englisch durchgeführt. Zuerst geht es bergauf zum klassischen Aussichtspunkt. Diana gibt einen Überblick über die Anlage.
Noch schickt die Sonne erst wenige Strahlen an den Spitzen der Berge vorbei, beleuchtet ganz sanft den Gipfel des Wayna Picchu, um ein paar Minuten später mit aller Macht über den Berg zu steigen. Blendend zeichnet sie scharfe Schatten, und wir öffnen die Reissverschlüsse unserer Windjacken. Diana führt uns von Punkt zu Punkt, erklärt interessante Details, doch manchmal ist es schwierig, den englischen Erklärungen zu folgen. Zum Glück mischt sich René ein und fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.
Diana zeigt uns, wie sich Klänge durch die dicken Mauern verteilen und auf der anderen Seite des Raumes verstärkt wieder ertönen, wie Wasser durch Rinnen geleitet wird und wie sich der Schall über den zentralen Platz verstärkt. Ausserdem erzählt sie, dass sich in der Mitte von Machu Picchu ein Riss befindet, der sich in den letzten Jahren verbreitert hat. Man vermutet, dass die Anlage ab 2020 geschlossen werden wird, um die Spaltung aufzuhalten. Zur Demonstration wurde über den ganzen Platz ein Seil gehängt, an dem die Wissenschaftler die Verbreiterung erkennen können.
Nach knapp zwei Stunden ist die offizielle Führung abgeschlossen, Diana verabschiedet sich, und wir können das Gelände auf eigene Faust erkunden. Ein paar von uns wollen den Wayna Picchu erklimmen, andere zum Sonnentor wandern.
Reiseleiter René macht uns auf die Schwierigkeiten dieses Unternehmens aufmerksam. Zuerst heisst es anstehen, da jeder „Wagemutige“ mit dem Eintrittsticket, mit Pass und der Unterschrift bestätigen muss, dass er bereit ist, diese Bergtour zu bestehen. So begeben wir uns nach den Formalitäten in grösseren und kleineren Grüppchen, teilweise mit Herzklopfen, auf den Pfad.
Ganz einfach ist es nicht für alle, müssen doch hohe Treppenstufen, enge Passagen entlang an steilen Felsen und ungesicherte Stellen überwunden werden. Fast oben angelangt, ist ein Tunnel auf allen Vieren zu durchkriechen. Der letzte Knackpunkt ist eine kurze Holzleiter.
Und dann hat man den Gipfel erreicht! Zwar sind da noch viele andere Besteiger, aber wenn man sich ein Plätzchen ergattert hat, wird man mit einer sensationellen Aussicht belohnt. Restlos alle zehn Bergsteiger unsere Gruppe schaffen es, aber nicht alle in einer halben Stunde wie Reiseleiter René. Die Begeisterung ob der fantastischen Aussicht ist gross, und wir geniessen sie, bis ein Aufseher zum Abstieg aufruft.
Knapp unterhalb des Gipfels kommt ein Gruppenfoto zustande, allerdings ohne Köbi, weil der genau zu diesem Zeitpunkt aus der Schweiz angerufen wird und deshalb mit seinem Handy beschäftigt ist. Der Abstieg gestaltet sich auch nicht für alle ganz problemlos, da die Treppenstufen unterdessen nicht niedriger und die steilen Passagen nicht flacher wurden. Aber wir können uns am Fusse des Wayna Picchu gratulieren, und sogar Küsschen werden verteilt.
Gegen Mittag gehen alle zurück zum Eingang, wo zur vereinbarten Zeit, um halb zwei, die ganze Gruppe wieder eintrifft. Alle haben ihre Ziele erreicht, alle hatten wunderbare Erlebnisse.
Der Bus bringt uns wieder hinunter nach Aguas Calientes. Dass es jetzt ganz sanft anfängt zu tröpfeln, kann unsere Euphorie nicht mehr trüben.

11. Reisetag
Heute präsentiert sich der Himmel nicht mehr so strahlend wie gestern, aber das ist nicht weiter schlimm, wir fahren zurück nach Cusco. Unser Zug, ein einziger Wagen,  erwartet uns schon im Bahnhof. Die Crew bedient uns aufmerksam mit Getränken und Zwischenverpflegung, und bald erreichen wir den Bahnhof von Ollantaytambo, wo wir von Gioana und Cesar mit dem Bus erwartet werden.
Gioana lädt uns ein, eine typische Familie zu besuchen, die noch wie zu Inkazeiten wohnt. Einzig, dass sie im Hof Souvenirs verkaufen, stammt aus neuerer Zeit. In der dunklen Rauchküche werden Minipigs resp. Cuys (Meerschweinchen) gezüchtet. Sie kommen an Festtagen oder Geburtstagen auf den Tisch. Vor allem in den ländlichen Gegenden sind sie eine beliebte Delikatesse. Mit einem grossen Messer schält die Hausfrau Kartoffeln, und um ihre Füsse quietschen die kleinen Viecher und stürzen sich mit grossem Appetit auf die Überreste.
Um den Kontakt mit den Verstorbenen nicht zu verlieren, zieren Totenköpfe eine Nische in der Wand, und von der Decke hängen Maiskolben und getrocknetes Fleisch. Eine beklemmende Idee, wenn die Grosseltern aus hohlen Augen auf einen herunterschauen.
Ollantaytambo wurde als Zwischenstation mit Landwirtschaftseinrichtungen gegründet. Tambo bedeutet „ein Ort zum Verweilen“. Hierher kam der Inka mit seiner ganzen Entourage auf dem Weg von Cusco nach Machu Picchu und wurde verpflegt und untergebracht. Heute kommen die Touristen hierher, um die gewaltige Inkaanlage zu besichtigen.
„Was schon wieder in die Höhe“, höre ich jemanden seufzen, aber nachdem heute niemand wegen Muskelkater klagt, erklimmen wir die Terrassen mit Leichtigkeit. Ganz oben, wo die fein geschliffenen grossen Feldblöcke liegen, sollte der Sonnentempel gebaut werden. Er wurde nie fertiggestellt. Dass die grossen Platten und Blöcke aus dem Steinbruch von der gegenüberliegenden Talseite stammen, ist schlichtweg unvorstellbar, und es gibt noch heute keine Erklärungen, wie das die Inkas ganz ohne Maschinen mit reiner Manneskraft geschafft haben.
Es ist Mittagszeit. Darum schwenken wir in Urubamba in die Hazienda Alhambra ein. Wir sind ganz begeistert von der schönen Anlage. Im Garten betätigen sich Alpacas und Lamas als Rasenmäher, ganz hinten gibt es sogar ein paar Vicunas und unter schattigen Bäumen, wohnen ein paar Papageien. Unter den Arkaden ist ein vielfältiges Buffet aufgebaut, so dass kulinarisch alle auf ihre Kosten kommen.
Nach dem gemütlichen Halt verlassen wir das heilige Tal und kehren zurück nach Cusco. An den Hängen kommen wir an einer Siedlung vorbei, die wir vorgestern schon passierten. Viele arme Familien hatten hier ihre provisorischen Hütten aufgebaut in der Hoffnung, das Gelände mit der Zeit in legalen Besitz nehmen zu können. Wie Gioana weiss, kam es gestern hier zu Ausschreitungen, Steine wurden geworfen und heute sind die meisten Hütten zerstört, die Landbesetzer hocken am Strassenrand.
Am späteren Nachmittag kommen wir in Cusco an. Fast ist es wie ein Heimkommen, zurück ins Hotel, in dem wir schon zwei Nächte waren. Der Rest des Tages steht zur freien Verfügung. Wir gehen noch etwas in die Stadt und gucken uns ein seltsames Schauspiel auf der Plaza de Armas an, wo sich viele Leute versammelt haben. Vor der Kathedrale findet die Aufführung eines religiösen Spiels mit viel Musik, Gesang, Tanz und dramatischen Szenen statt. Da wir aber kein Spanisch verstehen, können wir nur erahnen, welche Bedeutung die gespielten Szenen haben. Schuld und Sühne scheinen hier eine wichtige Rolle zu spielen.

12. Reisetag
Elf Stunden Busfahrt sind heute angesagt. Das könnte leicht zu einem äusserst langweiligen Tag ausarten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Abfahrt nach dem Frühstück in Cusco ist um sieben Uhr. Ein grosser bequemer Bus mit 20 Plätzen steht vor dem Hotel.
Der erste Halt ist bei der alten Kirche von Andahuaylillas. Man nennt sie auch die sixtinische Kapelle von Südamerika, denn ihr Inneres ist komplett mit Bildern bedeckt. Die drei Altäre sind ausserdem mit viel Gold geschmückt und auch die Decke ist reich bemalt. Auf dem Altar stehen frische Callas. Die Kirche ist neu renoviert, ein paar Gerüste sind noch aufgestellt. Leider darf man nicht fotografieren, immer steht irgendwo eine Aufseherin hinter einer Säule und passt auf. Nachdem wir noch einen Moment die Souvenirs studiert haben, die vor der Kirche angeboten werden, fahren wir weiter.
Der nächste Halt ist in Raqchi. Hier hatten die Inkas ein Vorratslager gebaut. Es gibt Häuser für die Administration und ein paar Wohnhäuser. Und hinter einer Mauer stehen 160 Vorratsspeicher. Dank den dicken Mauern und kleinen Fenstern konnten hier riesige Mengen Vorräte kühl und luftig gelagert werden. In den Ruinen sind ein paar alte Frauen. Für ein paar Soles lassen sie sich fotografieren.
Auf dem Marktplatz vor der Kirche bieten die Leute ihre Handarbeiten an. Hier fallen vor allem die verschiedenen Hüte der Frauen auf. Der typische Hut des Dorfes ist ein flacher, schwarz-roter Hut, der an Chinesenhüte erinnert.
Weiter geht die Fahrt durch das weite Tal. Bei einem neuen modernen Gebäude halten wir an. Hier gibt es Mittagessen. Wir sind ziemlich früh, noch sind keine anderen Touristen unterwegs. Die Strecke Cusco-Puno wird in beide Richtungen von kleineren und grösseren Busbetrieben regelmässig befahren. Mittagessen ist für beide Richtungen ungefähr da, wo wir jetzt sind, so dass sich hier ein paar Mittagsbuffet-Restaurants etabliert haben. Im Moment sind wir die einzigen Gäste und stürmen daher das Buffet.
Kaum merklich steigt das Gelände an. Nach dem fruchtbaren Tal geht es in die Berge und kurz nach der Mittagessen erreichen wir den vorläufig höchsten Punkt unserer Reise: La Raya mit 4335 m.ü.M. Es ist kühl und die Luft dünn. Hier macht auch der Zug von PeruRail einen Halt. Die Züge fahren in Cusco und Puno am Morgen los und treffen sich hier in der Mitte der Strecke. Vor einer halben Stunde hatten wir den Zug von Cusco überholt und ihn etwas weiter vorne mit gezückten Kameras erwartet. Mit einer Höchstg­eschwindigkeit von 50 km/h zuckelt er durch die Gegend.
Wir haben jetzt den Altiplano erreicht, die Hochebene von Peru. Noch geht es etwas hinunter, aber wir bleiben in einer Höhe von fast 4000 m.
In Pukara gibt es einen nächsten Halt. Hier werden die Torritos hergestellt, die wir schon überall auf den Häusern gesehen haben. Auch neben der Kirche stehen ein paar auf Säulen. Die Kirche ist dunkel und im Gegensatz zu der Kirche von Andahuaylillas fast schmucklos.
Wir fahren weiter. Die Gegend hat sich verändert. Fuhren wir vor La Raya noch durch ein fruchtbares Tal, sind wir hier auf dem kargen Altiplano, dem Andenhochland. Hier gibt es nur noch trockenes Weideland. Wir sehen grosse Schaf- und Alpakaherden und manchmal Kühe, einfache Bauernhöfe und kleine Dörfer.
Und dann erreichen wir den Titicacasee. Wir müssen uns noch ein wenig durch den Verkehr von Puno kämpfen, aber um punkt sechs Uhr erreichen wir das Hotel. Weil der Himmel in den letzten Stunden bedeckt war, gibt es keinen Sonnenuntergang, und es ist ziemlich kühl.
Wir beziehen unsere grossen Zimmer mit den breiten und bequemen Betten. Nach Ausgang ist niemand mehr zumute, daher machen wir es uns gemütlich vor dem Kamin in der Bar, wo es Tapas mit Wein gibt.
Es war eine lange aber abwechslungsreiche Fahrt von Puno nach Cusco. Wir sind auf 3800 m, dem höchsten Punkt unserer Reise, an dem wir übernachten.
Gegen acht Uhr sitzen wir gemütlich beim Wein. Da hören wir draussen einen Pfiff. Der Zug ist soeben auch in Puno eingetroffen.

13. Reisetag
Direkt vor unserem Hotel liegt schimmernd der Titicacasee. Er ist fast 8300 Quadratkilometer gross und der höchste kommerziell schiffbare See der Welt.
Wir sind auf 3800 m, und hier spürt man jede Anstrengung. Das Restaurant liegt zwei Treppen tiefer. Den Aufstieg nehmen wir vorsichtig unter die Füsse. Zuerst stärken wir uns aber am umfangreichen Frühstücksbuffet.
Um halb neun holt uns Rene ab. Rene ist ein Uro und arbeitet als Touristenführer. Er ist mit dem grossen Binsenboot gekommen. Drei Uros rudern und steuern das Boot hinaus auf den See, aber natürlich wollen auch wir wissen, wie sich das anfühlt und so übernehmen schon bald Köbi und Oski die Ruder. Angefeuert von den anderen Reisegruppenmitgliedern steuern sie uns durch die Binsen. „Mehr rechts! Nein, mehr links! Jetzt! Gib mehr Kraft! Halte dich zurück!“ Die Anweisungen sind manchmal etwas verwirrend, so dass die beiden nach einer Viertelstunde das Ruder der nächsten Crew übergeben.
Inzwischen schickt die Sonne ein paar Strahlen über den See, aber es bleibt kühl heute.
Nach einer guten Stunde erkennen wir in der Ferne die Hütten der Uros. Sie wohnen hier draussen im See auf ihren Binseninseln. Alles ist aus Binsen: Boote, Inseln, Häuser. Ja, man kann sie auch essen und sie helfen bei Fieber. Rene erklärt uns die verschiedenen Anwendungen.
Bald schon legen wir an. Die Frauen begrüssen uns fröhlich und laden uns ein, ihre Welt zu besuchen. Rene zeigt uns, wie die Inseln aufgebaut sind. Binsenwurzeln, die sich bei Hochwasserstand vom Boden lösen, werden zusammen gebunden und mit Binsen belegt. Die Inseln müssen immer wieder ausgebessert und mit neuen Binsen repariert werden. Die Uros leben schon seit Jahrhunderten auf dem See, haben ihr Leben an die schwierigen Umstände angepasst.
Nach den Erklärungen zeigen die Frauen ihre Handarbeiten und kleiden uns gleichzeitig ein. Schon bald gibt es ein paar Uros mehr. Kleider machen Leute!
Die Uros sind sehr offen und fröhlich. Plötzlich kommt Wind auf. Unser Schiff wird fast fortgetrieben. Im letzten Moment können es die Männer wieder festbinden. Allerdings entscheiden sie, dass der Wind zu stark ist, darum fahren wir mit drei kleinen Motorbooten weiter.
Nun steht ein Schulbesuch auf dem Programm. Verteilt auf die drei Motorboote, die von Uros gelenkt werden, gelangen wir zu einer schwimmenden Insel, auf der zwei Schulhäuschen mit je einem Klassenzimmer stehen.
Kaum haben unsere Boote angelegt, stürmen bereits mehrere Schüler im Alter von sechs bis ca. elf Jahren aus einem der Gebäude und begrüssen uns mit hellem Gelächter und freudigem Geplapper. Schnell versammeln sich rund vierzig fröhliche Kinder in ihren schmucken Schuluniformen unter Anleitung ihrer zwei Lehrpersonen im vorderen Teil eines der Schulzimmer, während uns Sitzplätze im anderen Teil des Raumes angeboten werden.
Nach einer kurzen Begrüssung durch eine Lehrerin singen die aufgeregten Kinder ein paar Lieder in verschiedenen Sprachen. Darauf singen wir alle zusammen den Kindern das Lied „Es Burebüebli man i ned“ vor und schunkeln beim Refrain, was die Kinder offenbar sehr lustig finden. Jedenfalls versuchen sie ebenfalls begeistert mitzumachen beim „… noch vore, noch hinde, noch rächts…“.
Zuletzt muss ich zwei interessierten Mädchen den Text in eines ihrer Hefte schreiben und das Lied nochmals vorsingen. Ich bin gespannt, ob die Kinder das „Burebüebli“ in ihr Repertoire aufnehmen und künftigen Besuchern vorsingen werden.
Gerne werfen wir vor der Weiterfahrt noch einige Münzen und Noten in die bereitstehende Sammelbox. Aber vor dem endgültigen Abschied lassen sich einige der Kinder noch gerne von uns etwas herumwirbeln und freuen sich über diese Abwechslung vom Schulalltag, der sich von dem unserer Schweizer Kinder doch wesentlich unterscheidet. Nur schon der Standard der Schulzimmerausstattung lässt erahnen, wie gross der Unterschied der Unterrichtsgestaltung im Vergleich zu unseren Schulen ist.
Wir aber verabschieden uns von den Kindern mit zwiespältigen Gefühlen und hoffen, dass alle diese Kinder trotz materieller Benachteiligung glückliche Erwachsene werden können.
Auf einer grösseren Insel gibt es ein Restaurant. Hier erwartet man uns. Es gibt eine feine Quinoa-Suppe und eine gebratene Forelle mit Reis, Kartoffeln und Gemüse. Wir sind froh, dass wir in einem Raum sitzen können, denn draussen ist es inzwischen empfindlich kalt geworden, so dass wir auch beim Essen die Jacken und Mützen aufbehalten.
Im Gegensatz zu uns sind viele Uros barfuss. Allerdings sieht man ihren Gesichtern die grossen Strapazen und schwierigen Lebensumstände an, denn viele Backen der jungen Leute weisen die typischen dunklen Flecken auf, die von der Kälte stammen. Auch bei den Kindern ist uns das schon aufgefallen.
Nach dem Essen fahren wir mit den drei Motorbooten zurück ins Hotel. Unter der warmen Dusche oder im heissen Bad, oder wenigstens vor dem offenen Feuer in der Bar oder dem Restaurant wärmen wir uns wieder auf.
Wir nutzen dann noch zu zweit die Gelegenheit, auf dem Steg draussen vor unserem Hotel die Wasservögel des Titicacasees zu beobachten. Wir sehen u.a. den Punaibis, das Teichhuhn, das Andenblässhuhn, die Punaente.
Das Nachtessen nehmen wir im Hotel ein und sitzen in der Hotelbar beim Cheminee noch gemütlich zusammen.

14. Reisetag
Wir nehmen Abschied von unserem Hotel in Puno und vom Titicacasee. Heute Abend werden wir ein tiefer gelegenes Quartier beziehen, wir verlassen den Altiplano.
Zuerst steuern wir die Grabtürme von Sillustani an. Sie stehen auf einer Halbinsel am Umayo-See. Eine Kultur, die schon vor den Inkas hier blühte. In den Türmen bestatteten die hier wohnhaften Ureinwohner ihre Toten. Allerdings übernahmen die Inkas diesen Brauch, denn ihre Taktik bei der Eroberung von Volksstämmen war nicht die Unterdrückung sondern die Integration. So stehen hier also auch neben den runden Türmen aus groben Steinen, ein paar elegante Inkatürme aus fein geschliffenem Stein. Für uns ist die Besichtigung ein angenehmer Spaziergang. Zwar geht es wieder etwas aufwärts, aber wir nehmen den Anstieg Schritt für Schritt. Wir sind immer noch auf 3800 m ü.M., da spürt man jeden Schritt. Die Aussicht auf den blauen See entschädigt uns für alle Strapazen.
Nachdem wir auch hier die Souvenir-Verkäuferinnen berücksichtigt haben, fahren wir weiter. Noch immer steigt das Gelände stetig an, und wir erreichen einen neuen Höhepunkt: 4400 m ü.M. Beim Aussichtspunkt Alta Lagunillas halten wir an, geniessen die Aussicht hinunter auf eine wunderbar blaue Lagune. Als wir daran vorbei fuhren, entdeckten wir ein paar Flamingos, die einen Teil des Jahres hier in dieser kalten Gegend verbringen. Weit hinten grüssen weisse Schneeberge. Die Vegetation besteht nur noch aus dürren Grasbüscheln, niedrigen grünem Gebüsch und gelben oder grünen Flechten. Doch noch immer entdecken wir kleine Gehöfte: Alpakabauern.
Auf unserer Strecke begleitet uns schon seit Puno ein Schienenstrang. Es ist die Verbindung Puno – Arequipa, auf der nur Güterzüge fahren. Zudem begegnen uns viele schwer beladene Camions. Sie bringen Maschinen und Geräte in die Minen, von denen es hier in den hohen Anden sehr viele gibt. Noch immer werden Gold, Silber und andere Bodenschätze abgebaut. Weit in der Ferne grüsst der Vulkan von Arequipa, der Misti. Er wird heute seinem Namen gerecht: der In-Weiss-Gehüllte. Nicht nur auf dem Vulkan liegt Schnee, die ganze Gegend ist frisch überzuckert und bietet einen ungewohnten Anblick.
Irgendwo in dieser Wildnis, da wo sich die Strassen von Puno, Arequipo und Chivay kreuzen, steigt unsere lokale Guia zu: Ute. Sie lebt schon seit Jahren in Arequipa, ist mit einem Peruaner verheiratet und wird uns die nächsten Tage begleiten. Ute bestätigt, dass es sehr selten ist, dass es in der Gegend hier schneit. Im Gegenteil, es gibt hier kaum Niederschläge.
Kurz darauf erreichen wir den absolut höchsten Punkt unserer Reise, 4910 m ü.M. Es ist jetzt empfindlich kalt geworden, und wir sind froh um unsere Pullover und Jacken und um den Bus, der uns weiter führt. Die Verkäufer, die hier oben ihre Handarbeiten anbieten, müssen in der Kälte ausharren.
Wir erreichen unser heutiges Ziel. Unter uns im Colca-Tal liegt Chivay, ein Ort mit 3000 Einwohnern, Ausgangspunkt für die Ausflüge zum Cruz del Condor.
Es gibt hier im Tal einige Thermalquellen, und natürlich lassen wir uns die Gelegenheit zu einem warmen Bad nicht entgehen. So kommt es, dass wir schon bald im heissen Wasser planschen. Alle Kälte, die wir in den letzten Tagen bis in die Knochen spürten, wird dadurch verdrängt. Herrlich ist es, inmitten der Berge das warme Gefühl zu geniessen.
Zum Nachtessen bleiben wir im Hotel, wo wir eine kurze Vorführung traditioneller Tänze erhalten.

15. Reisetag
Wieder einmal früh aufstehen, frühstücken und losfahren. Die Kondore warten nicht. Hoch oben über dem Colca-Fluss fahren wir ins Colcatal. Die Aussicht ist fantastisch. Auf der anderen Talseite erstrecken sich Terrassen über mehrere hundert Meter hoch. Ute erzählt uns von der Vergangenheit dieses fruchtbaren Tales. Schon die Inkas erkannten seinen Wert. Von den hohen Bergen fliessen viele Bäche hinunter ins Tal. Durch ein ausgeklügeltes System leiteten die Inkas das Wasser über die Terrassen und erzielten dadurch eine weit höhere Effzienz als heutige moderne Sprühsysteme. Die Felder wurden den Familien zugeteilt, und zwar nicht waagrecht, sondern senkrecht, so dass jede Familie die verschiedensten Gemüse und Früchte auf allen Höhenlagen anbauen konnte.
Ute erzählt und erzählt unbeirrt, während wir immer mehr staunen über die Strasse, auf der wir durch das Tal fahren. Die Strasse würde zurzeit saniert, erklärt sie uns, als wir in einer Sprechpause danach fragen. Weil viele Arbeiter nur eine Anstellung für die Dauer der Sanierung haben, eilt es ihnen nicht immer. Wir umfahren die Strasse auf einer provisorischen Umleitung, die aussieht, als ob sie nur für die Baumaschinen gedacht wäre. Später geht es einen Canyon hinunter und auf der anderen Seite wieder hoch. Da ist vor ein paar Monaten die Strasse eingestürzt. Weil es am Morgen geregnet hat, ist die Piste zu allem Übel auch noch nass, so dass sich unser Bus richtig durchkämpfen muss. Zweimal schert er hinten leicht aus, schlipft in dem schweren Terrain und wir merken wieder einmal, dass das Motto „Abenteuer Peru“ richtig gewählt ist. Zum Glück kommt uns niemand entgegen, am Morgen fahren alle ins Tal hinein, gegen Mittag fahren die Touristenbusse in die andere Richtung. Es ist uns unverständlich, dass über diese provisorische Strasse täglich Hunderte von Touristen geschleust werden dürfen.
Nach fast zwei Stunden kommen wir beim Kreuz des Kondors an. Erst ein Bus steht da, es sind nicht viele Touristen unterwegs. Wir suchen einen Platz mit guter Sicht, spazieren ein wenig entlang der Wege. Es ist kalt. Langsam trudeln mehr Leute ein, das Gelände füllt sich doch ein wenig. Noch ist kein Kondor zu sehen. Und dann ist plötzlich einer in der Luft. Mit weit ausgebreiteten Schwingen schwebt er unter uns im Canyon. Es wird ganz still rundum, jeder hat ihn gesehen. Und dann folgt ein zweiter, ein dritter. Sie sind da. Noch fliegen sie tief, noch haben sie nicht die Höhe erreicht. Elegant, ganz ohne Flügelschlag drehen sie ihre Runden vor uns. Und dann, alle sehen in die Höhe, da oben über uns schwebt einer. Schaut mit seinen scharfen Augen auf all die Touristen, dreht eine tiefe Runde. Es sieht aus, als ob er sich gleich auf uns stürzen möchte. Oder will er nur kontrollieren, ob genug Menschen da sind, ob es sich lohnt zu fliegen?
Er dreht ab, sinkt langsam und ist verschwunden. Auch die Leute rundum sind verstummt, fangen sich wieder. Wahrscheinlich hat kaum jemand auf den Knopf gedrückt und ein Foto gemacht.
Weiter unten drehen die Kondore wieder ihre Kreise. Und da landet einer ganz in unserer Nähe auf einem Fels, sieht sich um, und gleich ist ein zweiter bei ihm. An den kleinen Kämmen kann man erkennen, dass es zwei Männchen sind. Sie kümmern sich nicht um ihre Zuschauer, begrüssen sich, fast könnte man meinen, sie balzen. Und wieder herrscht andächtige Stille. Rundherum wird geknipst. Ein dritter Kondor landet auf dem gleichen Stein. Sie hocken zusammen, strecken die Schnäbel zusammen, scheinen etwas zu besprechen. Und dann sind sie weg, alle drei. Ein Aufatmen geht durch die Menschen, man wagt wieder zu sprechen, beobachtet noch eine Weile die grossen Vögel, die unter uns ihre Kreise ziehen, und dann ist plötzlich keiner mehr da. Das Schauspiel ist zu Ende.
Wir treffen uns beim Bus, wo uns die nächste Überraschung erwartet. Der Motor kann nicht gestartet werden, die Batterie ist leer. Es braucht etwas Überzeugungskraft von Ute, bis einer der anderen Chauffeure hilft. Die Batterie wird ausgebaut, mithilfe einer anderen startet der Bus und dann funktioniert es wieder.
Die Rückfahrt ist nicht mehr so schlimm wie die Hinfahrt. Unterdessen ist die Sonne hervorgekommen, die Strasse ist trocken. Wir halten irgendwo auf dem Rückweg an. selbstverständlich bewundern wir die Aussicht hinunter ins Tal, doch Ute zeigt hinauf. Da oben in den Felsen gibt es Mumiengräber. Nachdem die Toten einige Jahre bei allen Zeremonien und Prozessionen mitgetragen wurden, fanden sie hier oben in den Felsen ihre letzte Ruhestätte.
Wir halten in Maca an. Hier gibt es vor allem die Kirche zu bewundern. Und auf dem Marktplatz steht ein Mann mit einem Habichtsadler. Er setzt ihn zuerst Beatrice, dann Margrit auf den Arm, dann stellt er sich auf ihre Köpfe, auf die der Mann vorerst einen Hut gesetzt hat und dann klettert er auf ihre Hände. Sanft hält er sich fest. Seine Krallen sehen eindrücklich aus, doch er benutzt sie nur sehr sachte.
Zum Mittagessen gibt es in Chivay ein Buffet. Etwas anderes wird in dieser kleinen Stadt nicht angeboten. Bevor wir weiter fahren, erkunden wir den kleinen Ort. Wir spazieren über den Hauptplatz, finden die Markthalle und beobachten die Handwerker und Verkäufer, die ihre Dienste und Waren anbieten.
Danach geht es zurück in die Höhe. Wieder passieren wir den Pass auf 4910 m ü.M. und dann folgen wir der Strasse nach Arequipa. Unterwegs treffen wir auf einen LKW, der von der Strasse abgekommen ist. Wahrscheinlich war der Schnee schuld, der noch immer auf beiden Seiten der Strasse liegt.
Gegen fünf Uhr kommen wir in Arequipa an. Wir sind gut 1300 m abgestiegen. Fühlen uns schon wieder pudelwohl, ja es ist sogar möglich, ohne Probleme in den 5. Stock aufzusteigen, wenn der Lift gerade besetzt ist. Und dabei liegt Arequipa mit seinen 2300 m ü.M. noch immer höher als der Pilatus.
Nach dem Zimmerbezug treffen wir uns zu einem kurzen Spaziergang zur Plaza des Armas, die zwei Häuserblocks entfernt liegt. Wir bewundern die Kathedrale und können sogar hinein gehen, weil kurz vorher eine Messe zu Ende gegangen ist.
Der Abend ist frei, wir gehen zusammen mit einem Teil der Gruppe in ein nahes Restaurant essen.Wieder geht ein reich gefüllter Tag zu Ende.

 16. Reisetag
Wir sind in der weissen Stadt Arequipa, die ihren Beinamen vom weissen Tuffstein hat, mit dem sie weitgehend gebaut wurde.
Nach dem Frühstück trifft Ute ein. Sie führt uns auf den zentralen Markt. Dieser ist jeden Tag geöffnet, auch heute, obwohl Sonntag ist. Märkte sind immer interessant. Farbenfroh sind die Früchtestände, und es gibt so manche Frucht, die wir nicht so genau kennen. Wir lassen uns eine Cherimoya aufschneiden, essen kleine süsse Bananen und lassen uns von Ute den neu entdeckten Süssstoff Stevia erklären. Hier in Südamerika wird das Kraut schon lange verwendet, in Europa kommt es langsam in Tablettenform auf den Markt. Es ist sehr stark. Ein kleines Säcklein getrocknete Blätter ersetzt 30 kg Zucker. Unglaublich! Ein weiteres Mittel, das schon seit mehr als 2000 Jahren in den Anden angebaut wird, aber bei uns erst in letzter Zeit bekannt wird, ist Maca, eine Art Kresse. Es wird in Pulverform verkauft und eine Kur damit verspricht schönere Haut, starke Haare und Nägel und auch sonst noch allerlei Verbesserungen. Natürlich wollen wir Frauen uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und greifen freudig zu.
Der nächste Stand ist dann eher etwas grausig. „Jugo de Rana“ (Froschsaft) steht auf der Tafel. Dieser wird an Ort frisch hergestellt, aber auf die Bekanntgabe des Rezepts möchte ich an dieser Stelle verzichten.
Wir verlassen den Markt, kommen zur Jesuitenkirche, gebaut aus dem typischen weissen Vulkansandstein Sillar. Die Hauptfassade ist reich verziert mit Bildern und Geschichten, mit Blumen und Ornamenten. Man nennt diesen Stil Mestizen-Barock.
Als nächstes schlendern wir über die Plaza des Armas, sie ist voller Leute. Hier trifft man sich nach der Messe zum Schlendern, Plaudern, Tauben füttern und Fotografiert Werden. Einzelne Personen und Gruppen stellen sich vor den grossen Brunnen und lassen sich von einem Freund oder einem der Fotografen, die hier überall sind, ablichten.
Inzwischen ist es Zeit für eine Erfrischung. Wir setzen uns auf die Terrasse in einem der kleinen Restaurants hinter der Kathedrale. Hier gibt es einen tollen Blick auf den Hausberg Arequipas, den Misti.
Nach der Pause steht die Besichtigung des berühmten Katharinenklosters auf dem Programm. Hier verbrachten die besseren Frauen, in der Regel die zweitgeborene Tochter einer reichen Familie, ihr Leben als Klosterfrauen. Sie wohnten in einzelnen kleinen Häuschen und waren von ihren eigenen Dienerinnen und deren Kindern umgeben. Diese Ordnung ergab ein Kloster, das wie eine kleine Stadt aufgebaut ist. Es gibt viele Wohnhäuser und Strassen mit den Namen spanischer Städte und sogar einen Marktplatz.
Zum Sonnenuntergang treffen wir uns im Restaurant auf gleicher Höhe mit den Glocken der Kathedrale. Von hier hat man einen überwältigenden Blick auf die Plaza des Armas. Nachdem die Sonne ihre letzten Strahlen über den Platz geschickt hat, verfärbt sich der Himmel und erstrahlt mit der einsetzenden Beleuchtung des Platzes in ständig wechselnden Farben. Jetzt ist es auch Zeit, Sigrids Geburtstag zu feiern. Alle stimmen ein in ein herzliches Happy Birthday, sogar die Musiker und die Leute an den anderen Tischen.
Nach dem sehr stimmungsvollen Apero geht es weiter ins Restaurant Zig Zag, wo wir für heute Abend einen Tisch reserviert haben. Es gibt Alpaca oder Rindsfilet vom heissen Stein und es wird ein wunderbarer Abend. Dass Sigrids Geburtstag auch hier noch einmal gefeiert wird, versteht sich von selber.

17. Reisetag
Wir verlassen Arequipa am frühen Morgen. Uns steht eine lange Fahrt mit dem Linienbus bevor, eine Fahrt ohne Stopp, mit Verpflegung im Bus, fast schon wie im Flugzeug.
Ein kleiner Touristenbus bringt uns zum Terrapuerto, zum grossen Busbahnhof. Hier geben wir unser Gepäck auf und untersuchen die kleinen Läden, was sie uns für unsere Fahrt anbieten können: Erdnüsse, Chips, Bonbons, Wasser. Um halb acht Uhr geht es los. Die Sitze sind bequem, die Sicht aus dem zweiten Stock grandios, nur das Wetter dürfte etwas besser sein.
Zuerst fahren wir durch die Berge. Auch wenn wir das nicht direkt spüren, es geht abwärts. Irgendwann verkündet René die neue „Tiefe“: 500 m. Schroff sind die Berge. Es wächst nur noch Gras, das schon beim Austrieb aus dem Boden dürr erscheint. Manchmal passieren wir eine einsame Hütte, manchmal treffen wir auf eine Alpaka- oder Schafherde. Wie kann man in diesen einsamen Höfen überleben? Wovon leben die Menschen, was tun sie?
Immer wieder überholen wir schwere Lastwagen, werden überholt oder es kommt uns ein Sattelschlepper mitsamt Anhänger entgegen. Zudem herrscht trotz Wüstenklima ein recht dichter Nebel. In den engen Kurven ergeben sich manchmal brenzlige Situationen, jedenfalls für uns, die wir diese Verhältnisse nicht gewohnt sind. Stark ist der Verkehr allerdings nicht. Die Lastwagen, ein paar Touristenbusse und ganz wenige private PKW, aber meistens gehört die Strasse uns allein.
Kurz nach der Abfahrt wird ein kleines Frühstück serviert: Zwei Kekse und ein Glas Mangosaft. Später gibt es Mittagessen. Das ist sogar warm: Pouletschnitzel mit Reis und Pommes. Es schmeckt recht gut, ist nur etwas kompliziert zu essen, da die Strasse trotz gut gefedertem Bus ziemlich holprig ist.
Irgendwann kommen wir ans Meer. Von weitem sehen wir den weissen Saum der Wellen, und als wir näher kommen, sehen wir, wie wild diese Wellen sind, wie hoch, wie weit draussen sie sich in hohen Bergen überschlagen. Zischend brodelt die Gischt an den steinigen Strand, ergiesst sich über Felsen, zieht sich wieder zurück, um gleich darauf mit neuer Kraft wieder über die Steine zu schwappen. Wir fahren jetzt entlang des Pazifikstrandes. Die Strasse windet sich hinauf bis auf 200 m, um hinter der nächsten Biegung wieder auf Meereshöhe herunterzukommen. Manchmal durchschneiden fruchtbare Täler, Flussoasen, das Kettengebirge. Dann entfernt sich die Strasse vom Meer, schlängelt sich in das Tal, auf schmalen Brücken über den Fluss, um auf der anderen Seite wieder hinauf zu steigen. Gras gibt es kaum mehr, einmal passieren wir einen Kaktushain, wo alte verstaubte Kakteen mit dem wenigen Nass, das die Witterung bietet, zu überleben versuchen.
Es sind fast nur noch Felsen und Sand, was sich unseren Augen bietet. Doch die Farben wechseln in einer magischen Weise. Mal erscheint alles grün, dann gibt es rote, braune Stellen und dann wieder erscheint die ganze Gegend in weissen und beigen Schichten. Es gibt hartes dunkles Gestein und leicht scheinende Schichten, die Geschichten von längst erloschenen Vulkanen erzählen.
Es ist fünf Uhr, als wir Nasca erreichen. Die Stadt liegt landeinwärts, wir haben die Wüste verlassen und sind jetzt wieder auf 550 m ü.M. Wir beziehen unser Hotel, und nach einer kurzen Rast gehen wir in einem gemütlichen Restaurant in der Nähe gemeinsam zum Nachtessen.

18. Reisetag
Es ist nie sicher, wann gestartet werden kann, wie die Sicht ist, ja ob überhaupt geflogen werden kann. Die Linien und Zeichnungen in der Steinwüste von Nasca sind immer eine Art Lotterie. René erwartet am Morgen um halb acht Bericht.
Der Morgen begrüsst uns mit herrlichem Sonnenschein und der Bericht von René ist gut. Also heisst es packen, unser Bus erwartet uns, wir fahren zum Flugplatz. Nachdem wir alle gewogen und registriert wurden, warten wir auf den Aufruf. Und schon bald sind wir in der Luft.
In kleinen Flugzeugen fliegen wir über die Steinwüste. Zuerst muss man sich etwas an die Sicht gewöhnen, den Überblick für die Zeichnungen bekommen und plötzlich sieht man sie: Feine Linien, die in den Grund gescharrt wurden – der Affe, der Astronaut, die beiden Kolibris. Die Sicht ist fantastisch. Ganz klar erkennen wir die Zeichnungen am Boden. Unter uns breitet sich die weite Steinwüste aus, überzogen mit Linien und Trapezen, die von Menschen vor Jahrhunderten in den Sand gescharrt wurden. Und diese Leute hatten keine Möglichkeit, ihre Werke mal von oben zu betrachten. Oder doch?
Ein paar Hügel und die Panamericana unterbrechen die Weite. Da wo der Fluss fliesst, gibt es grüne Flecken, fruchtbare grüne Felder. Dreissig Minuten dauert der Flug, und alle kommen völlig begeistert zurück, niemandem ist es schlecht geworden, obwohl wir natürlich wieder alle versucht haben, die schönsten Motive für die Kamera einzufangen.
Noch vor dem Mittag sind wir zurück und wir können weiterfahren. Nach einem kurzen Stopp bei dem Aussichtssturm an der Panamericana, wo wir die Plattform erklimmen und noch einmal auf Baum und Hände schauen, geht es weiter, Richtung Ica.
Ica ist das Zentrum der Pisco-Produktion. Und nach den vielen Pisco sour, die wir bisher getrunken haben, ist es an der Zeit, endlich einen Pisco-Fabrikationsbetrieb zu besuchen. Allerdings ist es bereits Mittag und die Zeit reicht nur noch für eine Piscodegustation und das Mittagessen, auf die Besichtigung der traditionellen Piscoherstellung mit den grossen Fässern und dem alten Brennofen müssen wir verzichten.
Jetzt ist es nur noch eine kurze Strecke bis zu unserem Ziel, der Laguna von Huacachino. Gleich hinter Ica beginnt eine Sanddünenlandschaft, wie man sich das gar nicht vorstellen kann. Nach dem Zimmerbezug besteigen Margrit und ich die Düne hinter dem Hotel zu Fuss, ein Schweiss treibendes Unterfangen. Wir werden aber belohnt mit einer fantastischen Fernsicht und einem traumhaften Sonnenuntergang. Das Geknatter der verschiedenen Sandbuggys, die mit Touristen unterwegs sind, stört hie und da die absolute Stille, die hier in dieser weltabgeschiedenen Gegend herrscht. Nach dem lustbetonten Abstieg durch den unter unseren Füssen immer wieder weggleitenden Sand drehen wir noch eine Runde zu Fuss um den Oasenweiher und beobachten u.a. einen kleinen Reiher beim Fischen.
Zum Nachtessen gehen wir in ein gut besuchtes Restaurant über dem Gewässer und geniessen ein feines Mahl.

19. Reisetag
Nur eine Stunde dauert die Fahrt von Nasca bis Paracas. Wir fahren direkt ans Meer und machen im Hotel Libertador Zwischenhalt. Staunen! Sowas gibt es also auch in Peru? Das Hotel gehört zur Luxusklasse. Am grossen Pool gibt es elegante Sitznischen, im grossen Speisesaal frühstücken ein paar wenige Touristen. Die Anlage ist grossartig und sehr gepflegt.
Wir warten auf das Boot, das uns hinaus zu den Islas Ballestas bringen wird. Am Strand vorne lassen sich verschiedene Vögel sehr gut beobachten. Ein schneeweisser Reiher (Ist es ein Schmuckreiher?) kommt uns sehr nahe und lässt sich ohne weiteres fotografieren. Auf einem Steg draussen sitzen Pelikane, Kormorane und Möwen. Im Sand pickt eine einzelne Möwe an einem Stück Styropor herum. Ob das wohl schmeckt?
Um zehn fahren wir los. Abgesehen von einem Vater mit seiner pubertierenden Tochter ist unsere Gruppe allein auf dem Boot.
Los geht die Fahrt hinaus in die Bucht und dann ins offene Meer. Wir steuern eine Halbinsel an und sehen am Ufer eine Pelikankolonie. Schön sind sie, in ihrem grauen Gefieder und den grossen Schnäbeln. Den langen Hautsack am Schnabel kann man in dieser Stellung nicht sehen, aber die Vögel sind trotzdem sehr eindrucksvoll, wie sie da stolz am Ufer stehen.
Dann kommen wir zum Candelabro, einer Zeichnung im Sand, die wahrscheinlich aus der gleichen Vor-Inka-Kultur stammt wie die Linien in Nasca. Die Sonne strahlt von einem blauen Himmel, die Sicht ist grossartig und das Meer ruhig, auch jetzt, da wir auf das offene Meer hinaus steuern.
Ein paar Vögel fliegen über uns, ein paar Kormorane strecken ihre Köpfe aus den Wellen. Und dann sind wir plötzlich inmitten eines riesigen Vogelschwarmes. Rund um uns Vögel, sie scheinen alle in der gleichen Richtung zu fliegen. Und es werden immer mehr. Ein paar fliegen gegen den Strom, aber die meisten fliegen uns entgegen. Über uns, neben uns, vorne, hinten, überall Vögel.
Es dauert nur ein paar Minuten, dann ist der Spuk vorbei, wir sind wieder allein, sehen jetzt die felsigen Inseln vor uns. Unterdessen sind alle aufgestanden, der Vogelschwarm hat niemanden kalt gelassen, fasziniert erwarten wir jetzt die Inseln. Ob da überhaupt noch ein paar Vögel geblieben sind?
Und ob da welche geblieben sind. Gegen acht Millionen Vögel sollen auf den beiden Felsen leben, erzählt unser Guia. Sie umschwirren die Inseln in riesigen Schwärmen, hocken auf Felsvorsprüngen, in Nischen. Es sind riesige Kolonien von Seevögeln. Ihr Kreischen übertönt fast den Schiffsmotor, jedenfalls wenn er gedrosselt wird, um rund um die Insel zu kreisen.
Der Bootsführer nähert sich dem Ufer, dringt in kleine Buchten ein, versucht alles, um uns die beste Sicht, die fantastischsten Bilder zu verschaffen. Abgesehen von ein paar Ohhh… Hast du das gesehen?…. und dem Knipsen der Kameras ist auf dem Boot nichts mehr zu hören.
Staunend betrachten wir die Szenerie vor uns, und rümpfen nur ein wenig die Nase ob dem Gestank, den die ganze Pracht verbreitet. Auf diesen Inseln wird im Abstand von jeweils sieben Jahren der Guano-Dünger geerntet. Irgendwann landet er vielleicht in unseren Blumenkisten.
Auf der hinteren Seite der Felsen liegen ein paar Seelöwen matt in der Sonne. Sie lassen sich von den Besuchern nicht stören. Aber da drüben wird einer verjagt. Es scheint, dass sich ein Männchen, das nicht zu der Familie gehört, einen Platz verschaffen möchte. Sofort wird es von den anderen angefaucht und weggestossen. Minuten dauert der Kampf, dann gibt der Eindringling auf, lässt sich elegant ins Wasser fallen. Der Chef des Clans hat unterdessen diskret weggesehen, solange seine Jungen die Situation im Griff haben, braucht es ihn nicht zu kümmern.
Unser Guia macht uns auf Krabben aufmerksam, die knapp über der Wasserkante am Felsen kleben. Sie krabbeln langsam, halten sich fest und werden immer wieder fast vom Felsen gespült. Auch einen Seestern gibt es zu sehen.
Hinter den Felsen ankern die Fischerboote. Die Fischer lassen sich weder von den Vögeln, noch den wenigen Touristenbooten irritieren. Ja, manchmal winken sie sogar zurück, wenn man ihnen zuwinkt.
Wir nehmen wieder Fahrt auf und fahren zurück zum Pier.
Ganz in der Nähe des Luxushotels Libertador liegt unser Hotel, La Hacienda. Es liegt ebenfalls direkt am Meer. Es ist Mittagszeit, und wir setzen uns ins Restaurant am Pool. Mehrheitlich wird Fisch bestellt.
Nach dem Essen haben wir freie Zeit, die je nach Temperament und Vorlieben rund um den Pool genutzt wird. Obwohl das Wasser im Pool noch etwas kühl ist, wagen sich ein paar hinein, um eine Runde zu schwimmen. Das Meer allerdings lädt nicht zum Baden ein, denn die Strandregion ist mit Wasserpflanzen und sogar ein paar riesigen Quallen durchsetzt.
Nach Sonnenuntergang treffen wir uns frisch und entspannt in der Bar zum Apero. Es wird Bilanz gezogen. Was war gut, was könnte man verbessern und was muss unbedingt im Programm gelassen werden. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Erlebnisse. Man spricht über die Reise, übers Reisen und über die nächste Reise.
Und ganz leise schleicht sich neben der Wehmut um den baldigen Schluss dieser Reise auch die Freude ein, auf die Heimkehr. Zu Hause sein, in der vertrauten Umgebung, die Souvenirs auspacken (und die schmutzige Wäsche), Geschenke verteilen, erzählen, ausruhen. Draussen hängt der Halbmond schief am Himmel – wir sind noch immer auf der südlichen Halbkugel.

20. Reisetag
Vier Stunden bis Lima durch eine abwechslungsreiche Gegend. Eigentlich wäre alles Wüste, doch durch künstliche Bewässerung wird die Gegend sehr fruchtbar. Baumwolle, Mais, Artischocken, Mangos, Zitrusfrüchte und vieles mehr entdecken wir auf den Feldern. Manchmal gibt es Strände mit verlassener Infrastruktur. Noch ist nicht Saison, noch ist Winterbeginn auf der südlichen Halbkugel.
Auch ein paar grosse Hotelressorts können wir entdecken, dazwischen Industrie, kleine Dörfer mit den typischen unfertigen Häusern. Man ist jederzeit bereit, noch einen Stock aufzubauen, ein Zimmer mehr zu erstellen, wenn Geld vorhanden ist oder eines der Kinder heiratet. Man lebt hier ein Leben lang im Provisorium.
Lima empfängt uns unter dem typisch bedeckten Himmel.
Wir fahren zur Rosa Nautica. Dieses Restaurant, draussen an der Pier von Miraflores, haben wir alle schon am ersten Tag vom Larcomar aus gesehen, und wir beide haben es bereits bei unserem Aufenthalt in Lima besucht.
Bevor wir einkehren, schauen wir noch einem Moment den Surfern zu, wie sie da auf den Wellenkämmen tanzen, eintauchen, wieder aufs Brett klettern und sich von neuem hinaus wagen. Das Meer ist wild, der Himmel trüb. So soll sich Lima die meiste Zeit des Jahres präsentieren. Auf den Steinen am Ufer liegen Krabben. Das ist ihr Revier, hier werden sie mit genug Wasser und Sauerstoff versorgt, krabbeln über die Steine.
Im Restaurant ist ein Tisch für uns reserviert: Das letzte gemeinsame Mittagessen, zur Feier des Tages in gediegener Atmosphäre, mit Pianobegleitung und eleganten Kellern.
Und dann fahren wir zum Flughafen: Einchecken und noch einen gemeinsamen Kaffee trinken. Mit gemischten Gefühlen verabschieden wir uns von Beatrice und René, die beide noch ein paar Tage in Peru bleiben: Einerseits Bedauern, dass es schon vorbei ist, andererseits aber auch die Vorfreude, wieder nach Hause in unsere Wohnung und zu unseren bekannten Leuten zurückzukehren.
Wir haben zusammen in einer ausgezeichnet harmonierenden Gruppe mit sachverständiger und gut vorbereiteter Reiseleitung viele tolle Dinge gesehen und erlebt. Es war wirklich super!!! Danke für alles.
Und dann besteigen wir das Flugzeug und nehmen den langen Flug zurück nach Europa unter die Flügel.

Den Reisebericht habe ich weitgehend von Beatrice übernommen. Er ist nachzulesen unter
www.umdiewelt.de/Die-Amerikas/Suedamerika/Peru/Reisebericht-7544/Kapitel-0.html

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